Die Kunst des Flechtens mit Naturmaterialien reicht zurück bis ins alte Ägypten. Körbe, Tragen und andere Utensilien, welche die tägliche Arbeit erleichterten, wurden aus Binsen oder Schilfrohr hergestellt. Das heutzutage allseits bekannte Naturgeflecht Rattan findet allerdings erst ab dem 17. Jahrhundert Erwähnung in Büchern und Aufzeichnungen, als die Tradition des Rattanflechtens, von den Kolonialstaaten „abgeguckt“, das europäische Festland erreichte. Nachdem man die vielfältigen Möglichkeiten erkannte, welche Rattan den Korbflechtern eröffnete, bekamen die biegsamen und strapazierfähigen Naturfasern schnell zu einem guten Ruf. Früher (teilweise auch noch heute) als Bestrafungswerkzeug zur Züchtigung oder für die Produktion von Kampfstöcken genutzt, werden heutzutage vornehmlich Stühle, Sofas und Tische aus Rattan hergestellt. Seinen größten Aufschwung erfuhr die Rattanflechterei aber erst nach der Industrialisierung, als Rattanmöbel schneller und vor allem kostengünstiger hergestellt werden konnten. In Windeseile hielt das honigbraune Geflecht Einzug in die europäischen Haushalte und ist auch heute nicht aus Wohnzimmern und Wintergärten wegzudenken. Besonders wegen der warmen und mediterranen Atmosphäre, welche Rattanmöbel verströmen, sind sie beliebte Einrichtungsgegenstände. In Punkto Stabilität und Langlebigkeit gibt es kaum eine Naturfaser, die Rattan von seinem führenden Rang stoßen könnte. Noch heute, knapp 400 Jahre nach Aufkommen der ersten Rattanmöbel, schätzen viele Designer die besonderen Vorzüge, die sich bei der Arbeit mit der Naturfaser ergeben: nämlich Kreativität, Individualität und viel Freiraum in der Gestaltung. Diese Möglichkeiten spiegeln sich auch in den unzähligen Möbel- und Accessoirevariationen wider, die mittlerweile aus Rattan hergestellt werden und sich noch immer größter Beliebtheit erfreuen.

Rattan Querschnitt: Im Gegenteil zu Bambus (mit dem es oft verwechselt wird) ist Rattan ein massives Material. Aus Rattan wird das Flechtmaterial Peddigrohr hergestellt: Rattanstangen werden durch runde Messerdüsen gepresst und die daraus enstehenden Stränge werden zum Flechten verwendet.


Flechtmaterial gibt es, grob unterschieden, in flach und rund. Man spricht von Peddigrohr und Peddigrohrschiene.

Von Hand oder bei einigen Geflechten auch per Webmaschine, wird anschließend sog. Fertiggeflecht erstellt oder Möbelgestelle damit umflochten.


Material: 




Noch immer beträgt die jährliche Menge an Rattan, das zur Möbel- und Flechtwarenherstellung benötigt wird, geschätzte 440 Millionen Tonnen pro Jahr. Doch woher kommen diese großen Mengen? Der führende Exporteur für Rattan ist seit vielen Jahren Indonesien. Rund 80-90% des weltweit verarbeiteten Rattans stammen aus den Regionen des Landes. Rattan stellt in Indonesien, mit 75% des Gesamtanbaus, die stärkste Anbaupflanze dar. Sandelholz, Nelken und Kokosnüsse liegen weit dahinter.
Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung in der „Rattanindustrie“ beschäftigt sind. Neben dem Schälen der Rattanstangen und dem Flechten von Möbelstücken und Körben, ist der Großteil der Arbeiter mit der Ernte der Kletterpflanze beschäftigt, die bis zu 140m hoch werden kann. Kleine Wiederhaken an den Ästen der Rattanpflanze, mit denen sie sich um andere Bäume schlingt, erschweren die Ernte nicht nur, sondern machen das Arbeiten mit dieser Pflanze auch äußerst unangenehm.
Dennoch können die indonesischen Arbeiter nicht auf das Einkommen, das sie bei der Arbeit mit Rattan verdienen, verzichten. Schließlich gibt es aufgrund der immer noch hohen Nachfrage nach Rattan, kaum Möglichkeiten, sein Geld in Indonesien auf andere Art und Weise zu verdienen. Einerseits profitiert die Bevölkerung von diesem Verdienst, andererseits hat der Export von Rattan Indonesien abhängig gemacht: nämlich von einer gleichbleibend hohen Nachfrage nach diesem Naturprodukt. 1988 betrug der Umsatz durch den Export von Rattan ca. 100 Millionen US-Dollar. Doch aufgrund schwankender Exportzahlen bekamen viele Arbeiter in den folgenden Jahren keinen oder kaum Lohn. Und auch in heutiger Zeit, da die Nachfrage relativ stabil geblieben ist, profitiert die arbeitende Bevölkerung nur minimal vom „Erfolg“ des Rattanexportes. Dies liegt nicht zuletzt an den hohen Steuern, die mittlerweile auf das Verschiffen von Rattan erhoben werden mussten.
Die vermehrte Nachfrage nach Rattan hat rund 1,2 Millionen Menschen wirtschaftlich von diesem Naturprodukt abhängig gemacht. Die große Palmöl Boom führte in den 90er Jahren dazu, dass Großteile des Regenwaldes gerodert wurden. Die einheimische Regierung und Hilfsorganisationen versuchten, diesen „Kahlschlag“ einzudämmen. Ein äußerst wirksames Konzept verfolgt die Provinzregierung der Insel Hanin in Zusammenarbeit mit der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit). Hier wurde jedem Bauern ca. 1ha Regenwald zur Nutzung und Bepflanzung zugewiesen. Um also Geld mit diesem Stück Land zu verdienen, musste dieses gepflegt und nachhaltig bewirtschaftet werden. Der Erfolg ist einschlagend: nicht nur, dass der Regenwald vor seiner endgültigen Zerstörung geschützt wird, so bewahrt das Projekt auch vor der Verarmung der Bauern und der Korruption von geldgierigen Beamten.



